Symbolik der Maus: Götter, Sagen und die Zahnmaus

Mäuseturm von Bingen, Apollon, Ganesha, chinesischer Tierkreis, Fabeln, Zahnmaus und Sendung mit der Maus: wofür die Maus steht, woher jede Bedeutung kommt und welche Deutungen auf überlieferten Quellen beruhen.
Mitten im Rhein, bei Bingen, steht auf einer kleinen Insel ein schlanker Turm. Der Name Mäuseturm ist seit 1516 belegt, und die Sage dazu ist alles andere als niedlich: Ein hartherziger Erzbischof soll dort von Mäusen bei lebendigem Leib gefressen worden sein. Kaum ein Tier ist so klein, und um kaum eines ranken sich so viele Geschichten.
Die Symbolik der Maus ist erstaunlich vielseitig. Je nach Kultur steht sie für eine Plage, die als Strafe über die Menschen kommt oder vor der ein Gott schützt, für Klugheit und Wendigkeit, für Vorsicht, für Enttäuschung und für einen Übergang in der Kindheit. Die Griechen verbanden sie mit Apollon, in Indien trägt sie den Gott Ganesha, in China eröffnet die Ratte den Tierkreis, und sie teilt sich ihr Schriftzeichen mit der Maus. Und in Deutschland erklärt eine orangefarbene Maus seit 1971 Kindern die Welt. Woher kommen diese Bedeutungen, und welche davon sind belegt?
Was symbolisiert die Maus?
Eine einzige, überall gültige Bedeutung gibt es nicht. Die Maus ist Plage in der Sage vom Mäuseturm, Reittier eines Gottes in Indien, unerfahrene Schülerin in den Fabeln und kleine Helferin, wenn ein Milchzahn ausfällt. Diese Bedeutungen lassen sich an Texten und Überlieferungen festmachen:
- die Plage, die als Strafe kommt oder vor der ein Gott schützt;
- Klugheit und Wendigkeit, mit denen sich Hindernisse überwinden lassen;
- Vorsicht, oft auf die harte Tour gelernt;
- Enttäuschung, wenn ein Berg nur eine Maus hervorbringt;
- ein Übergang in der Kindheit, mit der Maus, die Milchzähne holt;
- Neugier und Wärme, seit Micky Maus und der Maus aus dem Kinderfernsehen.
Der Mäuseturm: eine Sage mit Biss
Der Binger Mäuseturm entstand Anfang des 14. Jahrhunderts als Zoll- und Wachturm. Zusammen mit der Burg Ehrenfels am anderen Ufer kontrollierte er den Schiffsverkehr auf dem Rhein. Die berühmte Sage verlegt seine Geschichte aber ins 10. Jahrhundert, zu Erzbischof Hatto II. von Mainz.
Während einer Hungersnot, so erzählt die Sage, ließ der hartherzige Bischof hungernde Arme in eine Scheune sperren, die seine Knechte dann anzündeten. Ihre Schreie verspottete er als das Piepsen von Kornmäusen. Da kamen Tausende Mäuse über ihn. Hatto floh auf die Insel in den Turm, doch die Tiere folgten ihm und fraßen ihn bei lebendigem Leib. Hier ist die Maus das Werkzeug einer Strafe: Die Kleinsten rächen die Schwächsten.
Die Überraschung kommt zum Schluss. Mit Mäusen hat der Name wohl nichts zu tun: Laut dem Artikel der deutschen Wikipedia über den Binger Mäuseturm stammt er eher vom mittelhochdeutschen mûsen, spähen, oder vom althochdeutschen muta, Zoll. Seit 2002 gehört der Turm zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal.



Mäuse bei den Göttern
Eine Maus im Tempel? Das klingt unwahrscheinlich. Und doch haben ihr zwei große Überlieferungen einen Platz neben den Göttern gegeben.
Apollon Smintheus und die Feldmäuse
Schon Homer nennt Apollon in der Ilias Smintheus, was die deutsche Wikipedia mit „Rattenvertilger“ wiedergibt. Der Beiname soll auf ein altes griechisches Wort für Maus zurückgehen, sminthos; eine andere Deutung verbindet ihn mit einer Stadt namens Sminthe. In der Troas, nahe dem heutigen Gülpınar in der Türkei, stand das Smintheion, ein Tempel des Apollon Smintheus aus dem 2. Jahrhundert vor Christus. Sein berühmtes Kultbild, ein Werk des Bildhauers Skopas, zeigte den Gott mit einer Maus zu seinen Füßen.
Der Geograph Strabon überliefert dazu eine Legende. Als die Teukrer an dieser Küste landeten, zerstörten Feldmäuse ihre Ausrüstung. Die Neuankömmlinge deuteten das als Zeichen der Götter und ließen sich dort nieder. Die Maus ist hier Schädling und Wegweiser zugleich.
Ganesha und sein kleines Reittier
In Indien braucht Ganesha, der Gott mit dem Elefantenkopf, weder Pferd noch Wagen. Sein Reittier ist eine Maus oder eine Ratte. Ganesha gilt als Herr der Hindernisse, der sie aus dem Weg räumt. Viele hinduistische Rituale beginnen mit einer Anrufung Ganeshas. In modernen Deutungen steht das kleine Nagetier an seiner Seite für Intelligenz und für die Fähigkeit, Hindernisse zu überwinden: Wo der Elefant mit Kraft nicht weiterkommt, findet die Maus einen Weg.
Kraft auf der einen Seite, Wendigkeit auf der anderen. Die Geschichte des Elefanten erzählen wir in unserem Artikel über die Symbolik des Elefanten.
Die Erste im chinesischen Tierkreis
Im chinesischen Tierkreis steht die Ratte ganz vorn, vor Ochse, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein. Ihr Schriftzeichen 鼠 (shǔ) bezeichnet die Ratte, aber auch die Maus: Die beiden Nagetiere teilen sich hier ein Zeichen. Mit dem Jahr der Ratte beginnt jeder Zwölferzyklus neu. Das letzte Rattenjahr war 2020, das nächste ist 2032.
Die Katze kommt in dieser Reihe übrigens nicht vor. Ihr Glück findet sie anderswo, wie unser Artikel über die Winkekatze mit der erhobenen Pfote zeigt.
Zwei Lehren aus den Fabeln
Jean de La Fontaine, der große französische Fabeldichter des 17. Jahrhunderts, ließ in seinen Fabeln gern Nagetiere auftreten. Zwei Geschichten zeigen die Maus von sehr verschiedenen Seiten: als unerfahrene Schülerin und als Enttäuschung.
Das Mäuschen, das dem Schein traute
In einer Fabel aus seinem sechsten Buch zieht ein junges Mäuschen in die Welt hinaus. Ein flatternder Hahn jagt ihm Angst ein, eine sanft wirkende Katze dagegen gefällt ihm sofort. Die Mutter klärt es schnell auf: Gerade diese Katze ist die Todfeindin der ganzen Familie. Die Moral, kurz gesagt: Beurteilen Sie niemanden nach seinem Äußeren. Die Maus wird hier zum Bild der Vorsicht, die man erst lernen muss.
Der Berg, der eine Maus gebar
Diese Geschichte ist viel älter als La Fontaine: Äsop und Phaedrus erzählten sie schon, Horaz spielte auf sie an. Ein Berg kreißt und stöhnt so laut, dass alle eine gewaltige Geburt erwarten; bei La Fontaine stellen sich die Leute eine Stadt vor, größer als Paris. Heraus kommt eine Maus. Seitdem beschreibt das Bild große Versprechen, die in etwas Winzigem enden, und die Maus spielt die Rolle der Enttäuschung.
Zahnfee oder Zahnmaus?
In deutschen Kinderzimmern holt meist die Zahnfee den Milchzahn unter dem Kopfkissen ab. Die deutsche Wikipedia beschreibt sie als Fabelwesen der modernen amerikanischen und britischen Folklore; die früheste bekannte Erwähnung stammt aus der Chicago Daily Tribune von 1908. Ein paar Grenzen weiter übernimmt ein anderes Wesen die Nachtschicht.
Im romanischen Sprachraum kommt die Zahnmaus. In Frankreich heißt sie La Petite Souris, die kleine Maus, und erfüllt dieselbe Aufgabe wie die Fee: Sie holt den Zahn und lässt eine kleine Überraschung zurück. Die Maus steht hier für einen Übergang, für den Moment, in dem ein Kind wächst und ein kleines Stück von sich hergibt.
Von Micky Maus zur Maus am Sonntagmorgen
Im 20. Jahrhundert bekam die Maus ein neues Gesicht. Am 18. November 1928 lief in New York Steamboat Willie an, ein Zeichentrickfilm von Walt Disney und Ub Iwerks mit synchron unterlegtem Ton. Sein Held war Micky Maus. Fast hätte er Mortimer geheißen: Lillian, Walt Disneys Frau, schlug den Namen Mickey vor. Der Tag gilt bis heute als Mickys Geburtstag.
In Deutschland hat die Maus noch eine zweite Karriere gemacht. Die Sendung mit der Maus begann am 7. März 1971 im WDR, damals unter dem Titel „Lach- und Sachgeschichten für Fernsehanfänger“. Die Figur hatte Isolde Schmitt-Menzel 1970 entworfen, Friedrich Streich erweckte sie als Trickfigur zum Leben: eine orangefarbene Maus mit braunen Ohren, Armen und Beinen. 1975 kam ein blauer Elefant dazu, 1987 eine gelbe Ente. Die Sendung zählt zu den erfolgreichsten Kindersendungen im deutschen Fernsehen. Die Maus ist hier keine Plage mehr, sondern eine neugierige Begleiterin, die zeigt, wie die Welt funktioniert.
Die Maus auf dem Schreibtisch
Sogar auf unseren Schreibtischen ist sie gelandet. 1963 baute William English nach Entwürfen von Douglas C. Engelbart am Stanford Research Institute den ersten Prototyp eines kleinen Geräts, das einen Zeiger auf dem Bildschirm steuerte. Öffentlich vorgestellt wurde es am 9. Dezember 1968. Seinen Namen verdankt es wahrscheinlich dem Kabel, das an einen Schwanz erinnerte.
Ein deutsches Kapitel wird dabei oft vergessen. Schon am 2. Oktober 1968, kurz vor Engelbarts Vorführung, stellte Telefunken eine eigene Rollkugelsteuerung vor, erfunden von Rainer Mallebrein. Laut der deutschen Wikipedia war Telefunken die erste Firma, die ein solches Gerät kommerziell herstellte, und zwar mit dem Kugelprinzip, das später zum Standard wurde. Wer heute mit der Maus klickt, hat also ein Stück dieser Geschichte in der Hand.
Krafttier Maus: Überlieferung oder moderner Glaube?
Wer nach dem Krafttier Maus sucht, stößt auf Seiten, die sie als Totem für den Sinn fürs Detail beschreiben, und auf Deutungen, was eine Maus im Haus oder im Traum bedeuten soll. Diese Lesarten sind jung und persönlich. In den älteren Überlieferungen, die für diesen Artikel geprüft wurden, kommen sie nicht vor. „Belegt“ heißt hier: Eine Geschichte, ein Text oder eine erkennbare Tradition verbindet die Bedeutung mit einer Quelle. Die Tabelle trennt beides:
| Idee | Herkunft | Quellenstatus |
|---|---|---|
| Die Maus als strafende Plage | Sage vom Binger Mäuseturm | Sage, belegt |
| Die Maus als Schädling und Zeichen der Götter | Apollon Smintheus, Strabon | Antiker Kult und Legende, belegt |
| Klugheit, die Hindernisse überwindet | Reittier des Ganesha | Hinduistische Tradition, belegt |
| Die Erste im Zyklus | Chinesischer Tierkreis | Astrologische Tradition, belegt |
| Vorsicht und Enttäuschung | Äsop, Phaedrus, La Fontaine | Literatur, belegt |
| Die Maus, die Milchzähne holt | Zahnmaus, La Petite Souris | Volksbrauch, belegt |
| Die Maus als Krafttier, Sinn für Details | Heutige spirituelle Websites | Moderne Deutung, in den geprüften Quellen nicht belegt |
| Eine Maus sehen oder von ihr träumen | Traumbücher und Websites | Persönliche Deutung |
Dieselbe Unterscheidung gilt für jedes Tier. Unser Artikel zur Symbolik der Tiere erklärt, wie solche Bedeutungen entstehen, zwischen alten Geschichten und neuem Glauben.
Eine Mausbrosche tragen

Weil sie klein und ein wenig verschmitzt ist, eignet sich die Maus gut als Schmuckmotiv. Unsere Mausschmuck zeigen sie aufrecht in einem gemusterten Trapezkleid, mit zwei Beinen, die an kleinen Ringen hängen und jede Bewegung mitmachen. Drei Charaktere stehen zur Wahl:
- eine Maus mit tiefblauem Kopf, im weißen Kleid mit blauen Blumen, die an blau-weiße Keramik erinnern;
- eine schokoladenbraune Maus mit kleiner orangefarbener Schleife, im Kleid mit bunten Kreisen und Rosetten;
- eine Maus mit schwarzem Kopf und silberfarbener Schnauze, im Blumenkleid in Grau, Orange und Dunkelrot.
Die ersten beiden sind goldfarben, die dritte ist silberfarben. Passend zum übrigen Schmuck finden Sie unsere goldfarbenen Schmuck und die silberfarbenen Modelle. Diese Mäuse halten mit einem Magneten und einem Plättchen, das innen am Kleidungsstück sitzt, wie alle unsere Broschen ohne Nadel.
Als kleines Motiv kommt eine Maus auf ruhigem Untergrund am besten zur Geltung: am Revers eines Blazers, am Mantelkragen, auf der Schulter eines Pullovers. Lassen Sie unter ihr etwas Platz, damit die Beine frei hängen können, und setzen Sie sie nicht direkt an Knöpfe oder Kanten. Weitere Stellen, Kleidungsstück für Kleidungsstück, zeigt unser Ratgeber Brosche richtig tragen.
Eine Maus verschenken

Eine Mausbrosche spricht ganz verschiedene Menschen an: alle, die Tiermotive sammeln, die mit Micky Maus oder der Maus aus dem Sonntagsfernsehen groß geworden sind oder die ein verspieltes Detail zu einem schlichten Outfit mögen. Und zu vielen passt gleich eine ihrer Geschichten:
- für Eltern, die schon Zahnfee oder Zahnmaus gespielt haben;
- für alle, die mit den Lach- und Sachgeschichten aufgewachsen sind;
- für jemanden, der im Jahr der Ratte geboren ist und chinesische Astrologie mag;
- für Liebhaber des Rheintals, mit einer Ansichtskarte vom Mäuseturm dazu.
Für andere Tiere lohnt ein Blick auf unsere Broschen mit Tiermotiven oder auf alle Broschen.
Maus-Symbolik auf einen Blick
| Tradition | Wo die Maus vorkommt | Was sie sagt |
|---|---|---|
| Rheintal, Sage | Mäuseturm von Bingen, Hatto II. | Die Strafe für Hartherzigkeit |
| Antikes Griechenland | Apollon Smintheus, Smintheion | Schädling und Zeichen der Götter |
| Indien | Reittier des Ganesha | Klugheit, die Hindernisse überwindet |
| China | Erstes Zeichen des Tierkreises | Beginn des Zyklus |
| Fabeln | Das Mäuschen, der kreißende Berg | Vorsicht, Enttäuschung |
| Volksbrauch | Zahnmaus, La Petite Souris | Ein Übergang in der Kindheit |
| 20. Jahrhundert | Micky Maus (1928), Computermaus (1968), Sendung mit der Maus (1971) | Neugier, Wärme, Alltag |
So klein sie auch ist: Die Maus hat ihren Weg in Tempel, Fabeln, einen Turm im Rhein, Kinderzimmer und auf Ihren Schreibtisch gefunden. Vielleicht ist das ihre eigentliche Botschaft: Die Kleinsten haben oft mehr Einfallsreichtum, als man ihnen zutraut.
Häufige Fragen
Was symbolisiert die Maus?▾
Vor allem Klugheit und Wendigkeit, mit denen sich Hindernisse überwinden lassen, Vorsicht und einen Übergang in der Kindheit. Je nach Geschichte steht sie auch für eine Plage, eine Strafe oder eine Enttäuschung.
Was bedeutet die Maus als Krafttier?▾
Deutungen, die die Maus zum Krafttier oder Totem machen, das den Sinn für Details lehrt, sind moderne spirituelle Lesarten. In den älteren Überlieferungen, die hier geprüft wurden, kommen sie nicht vor. Belegt sind dagegen die Maus als Reittier des Ganesha, Apollons Beiname Smintheus und die Ratte als erstes Zeichen des chinesischen Tierkreises.
Was hat es mit dem Binger Mäuseturm auf sich?▾
Der Turm auf einer Rheininsel bei Bingen entstand Anfang des 14. Jahrhunderts als Zoll- und Wachturm. Die Sage erzählt, Erzbischof Hatto II. von Mainz sei dort zur Strafe für seine Grausamkeit gegen Hungernde von Mäusen gefressen worden. Der Name stammt aber wohl von mûsen, spähen, oder muta, Zoll.
Welcher Gott wird mit der Maus verbunden?▾
In Indien ist eine Maus oder Ratte das Reittier des Ganesha, des Gottes mit dem Elefantenkopf. Im antiken Griechenland trug Apollon den Beinamen Smintheus, und im Smintheion in der Troas zeigte ihn ein Kultbild des Skopas mit einer Maus zu seinen Füßen.
Wer holt die Milchzähne: Zahnfee oder Zahnmaus?▾
In Deutschland ist es meist die Zahnfee, eine Figur der modernen amerikanischen und britischen Folklore. Im romanischen Sprachraum übernimmt die Zahnmaus diese Aufgabe, in Frankreich La Petite Souris genannt.
