Fisch-Symbolik: vom Ichthys bis zur Karpfenschuppe

Die Karpfenschuppe im Geldbeutel, das Fischzeichen der ersten Christen, der Karpfen, der in Japan zum Drachen wird: was der Fisch von Kultur zu Kultur bedeutet.
Heiligabend. Der Karpfen ist gegessen, die Teller werden abgeräumt. Doch bevor alles in der Spüle landet, legt jemand eine Schuppe beiseite und steckt sie in die Geldbörse, damit im neuen Jahr das Geld nicht ausgeht. Eine kleine Schuppe, eine große Hoffnung. Die Fisch-Symbolik kennt viele solcher Botschaften: Je nach Kultur steht der Fisch für Glauben, Überfluss, Ausdauer oder Rettung.
Was symbolisiert der Fisch also? Für die ersten Christen ist er ein Zeichen des Glaubens: Im griechischen Wort für „Fisch“ stecken die Anfangsbuchstaben von „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter“. In China steht er für den Wunsch nach Überfluss, weil „Fisch“ dort genauso klingt wie das Wort für „Überfluss“. In Japan verkörpert der Karpfen, der stromaufwärts schwimmt, Ausdauer. Dazu kommen Vishnu, der die Gestalt eines Fisches annimmt, um die Menschheit vor der Sintflut zu retten, eine Göttin und ihr Sohn, die zum Sternbild wurden, und ein alter französischer Scherz zum 1. April. Der Fisch hat einiges zu erzählen.
Bei jeder Tradition unterscheiden wir zwischen dem, was Texte und Gegenstände belegen, und dem, was jeder für sich hineinlesen mag.
Die Karpfenschuppe im Geldbeutel
Beginnen wir ganz in der Nähe, bei der Szene vom Anfang. Der Weihnachtskarpfen ist in Mitteleuropa ein traditionelles Gericht für den Heiligen Abend. Laut Wikipedia entstand diese Tradition, als man die Adventszeit nach christlicher Lehre als Fastenzeit beging.
Zum Karpfen gehört ein alter Brauch: Man hebt eine seiner Schuppen auf und trägt sie bei sich, damit sie im neuen Jahr Geldsegen bringt. In Franken, in Tschechien und in der Slowakei gelten die Schuppen als Symbol für Reichtum. Man legt sie unter den Teller oder steckt sie in die Geldbörse. Auch im Erzgebirge soll der Karpfen dafür sorgen, dass einem das große Geld nicht ausgeht.
Merken Sie sich diese Schuppe. Tausende Kilometer weiter östlich steht der Fisch für genau denselben Wunsch.
China: ein Wortspiel, das Überfluss wünscht

In China geht es beim Fisch nicht um Glauben, sondern um Wohlstand. Und alles hängt an einem Wortspiel.
Das Schriftzeichen 魚, „Fisch“, wird yu ausgesprochen. Das Schriftzeichen 餘, das „Überfluss“ oder „Überschuss“ bedeutet, klingt genauso: yu. Daraus entstand eine Glückwunschformel: lian nian you yu (連年有餘), „Wohlstand und Überfluss Jahr für Jahr“. Wer einen Fisch malt, wünscht also, dass es im Haus nie an etwas fehlt. Karpfenschuppe in der Geldbörse, chinesischer Fisch: zwei Bilder für dieselbe Hoffnung.
Die École française d’Extrême-Orient, ein französisches Forschungsinstitut für Asien, bewahrt einen volkstümlichen Neujahrsholzschnitt auf, der diesen Wunsch zeigt. Yang Luoshu hat ihn im 20. Jahrhundert in Yangjiabu, in der Provinz Shandong, in Holz geschnitten. Er zeigt eine Frau mit Pfingstrosen und ein Kind, das einen Fisch hält. Das Blatt gehörte zu einem Bilderpaar: Beide wurden zum Neujahrsfest an die Türen zum Zimmer der Schwiegertochter geklebt.



Ichthys: ein Wort, ein ganzes Bekenntnis

Zurück nach Europa, zum berühmtesten aller Fischsymbole. Vielleicht haben Sie es schon am Heck eines Autos gesehen: zwei Bögen, die zusammen einen Fisch ergeben.
Fünf griechische Anfangsbuchstaben
Im Altgriechischen heißt „Fisch“ ichthys (ἰχθύς). Die ersten Christen lasen in diesem Wort eine verborgene Botschaft, Buchstabe für Buchstabe:
- I für Iêsous, Jesus;
- CH für Christos, Christus;
- TH für Theou, Gottes;
- Y für Huios, Sohn;
- S für Sôtêr, Retter.
Ein einziges Wort, und ein ganzes Glaubensbekenntnis passt hinein. Die deutschsprachige Wikipedia zum Fisch im Christentum spricht von einem „kurzgefassten Glaubensbekenntnis“.
Das Geheimzeichen: eine Überlieferung
Der Ichthys gilt als Erkennungszeichen der Christen. Die Überlieferung erzählt, dass sich die Christen in der Zeit der Verfolgungen an diesem Zeichen erkannten und dass man es vor Ostern an die Mauern Roms zeichnete, um den Weg zu den Krypten zu weisen. Eine schöne Geschichte, aber eben eine Überlieferung: Wikipedia nennt sie einen neuzeitlichen Mythos, der historisch nicht belegt ist.
Belegt ist dagegen, dass antike Autoren das Bild aufgegriffen haben. Tertullian vergleicht die Gläubigen mit kleinen Fischen, die ihren Namen vom Ichthys haben und im Wasser geboren werden. Augustinus deutet das Akrostichon in seinem Werk Vom Gottesstaat als geheimnisvollen Namen des Erlösers. Und Clemens von Alexandrien zählt in seinem Paidagogos den Fisch zu den Motiven, die Christen tragen dürfen. Einen Fisch bei sich zu tragen, ist also keine Erfindung von heute.
In den 1970er Jahren erlebt das Zeichen in den USA mit dem Jesus Movement eine zweite Blüte. Seitdem sieht man es auf Anhängern, Ansteckern und Autos, als Zeichen der Zugehörigkeit zum christlichen Glauben.
Fünf Brote und zwei Fische
Dass der Fisch bei den Christen eine so große Rolle spielt, liegt auch an den Evangelien. Die bekannteste Erzählung ist die Speisung der Fünftausend. Mit fünf Broten und zwei Fischen macht Jesus eine Menschenmenge satt: etwa fünftausend Männer, Frauen und Kinder nicht mitgezählt. Alle vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, berichten davon.
Heute steht die Brotvermehrungskirche von Tabgha in der Nähe des Ortes, an dem die Überlieferung das Wunder ansiedelt. Zwei Fische, die Tausende satt machen: Ein schöneres Bild für das Teilen ist kaum zu finden.
Japan: der Karpfen, der zum Drachen wird

Noch ein Karpfen, diesmal ganz ohne Teller. Jedes Jahr am 5. Mai flattern in Japan Karpfen aus Stoff an langen Bambusstangen im Wind. Das sind die Koinobori, die man zum Kodomo no hi hisst, dem Kindertag. Dieses Fest hat das alte Tango no sekku ersetzt, das am fünften Tag des fünften Mondmonats gefeiert wurde.
Warum gerade Karpfen? Wegen einer chinesischen Legende, die in Japan weitererzählt wird: Karpfen, die den Gelben Fluss hinaufschwimmen, steigen am Ende als Drachen in den Himmel auf. Die Koinobori feiern so die Kraft und die Ausdauer der Karpfen, die Flüsse und Wasserfälle gegen die Strömung hinaufschwimmen.
Die Botschaft ist einfach und spricht jeden an: Wer sich stromaufwärts kämpft, kann am Ende aufsteigen. Von allen Bedeutungen des Fisches lässt sich diese wohl am leichtesten verschenken, und manche Modelle aus unserer Auswahl an Fischbroschen eignen sich gut dafür.
Matsya, der Fisch, der die Menschheit rettete
Im Hinduismus gilt Matsya, dessen Name auf Sanskrit „Fisch“ bedeutet, als erster Avatar Vishnus.
Alles beginnt im Shatapatha Brahmana mit einem winzigen Fisch, den Manu in einem Fluss findet. Der Fisch warnt ihn: Eine Sintflut naht, er soll ein Boot bauen. Als das Wasser steigt, ist der kleine Fisch riesig geworden und zieht das Boot bis in die Höhen des Himalaya. Manu, seine Familie und Tiere werden gerettet. Das Mahabharata erzählt eine ähnliche Fassung, in der Manu „den Samen von allem, was auf der Erde lebt“ mitnimmt. Die Erzählung wurde mit der Arche Noah verglichen.
Zwei Fische als Glückszeichen
Als Paar goldfarbener Fische gehört er zu den acht Glückssymbolen, dem Ashtamangala. Ursprünglich standen sie für zwei heilige Flüsse, den Ganges und die Yamuna. Im Buddhismus erinnern sie an die Fähigkeit der Wesen, auf die Befreiung zuzuschwimmen, ohne im Samsara, dem Kreislauf der Wiedergeburten, zu ertrinken. Auch der Shvetambara-Zweig des Jainismus zählt sie zu seinen acht Symbolen.
Vorankommen, ohne unterzugehen: Da ist sie wieder, die Idee des japanischen Karpfens. Und man denkt unwillkürlich an ein anderes Tier, das sich Zeit lässt: die Schildkröte als Sinnbild für ein langes Leben.
Das Sternbild Fische: zwei Fische an einer Schnur
Der Fisch hat es bis zu den Sternen geschafft. Das Sternbild Fische zeigt zwei Fische, die durch eine Schnur verbunden sind. Der lateinische Autor Hyginus, der griechische Quellen aufgreift, erzählt, woher sie kommen. Am Ufer des Euphrat werden Aphrodite und ihr Sohn Eros vom Ungeheuer Typhon verfolgt und verwandeln sich in Fische. Ihre Schwänze werden mit einer Schnur zusammengebunden, damit sie sich in den Fluten nicht verlieren.
Man kann darin ein Band sehen, das der Gefahr standhält: das einer Mutter und ihres Kindes, die aneinander festhalten.
Vom Papierfisch zum In-den-April-Schicken

In Frankreich hat der Fisch seinen eigenen Feiertag, zumindest einen halben. Am 1. April heftet man Freunden heimlich einen Papierfisch an den Rücken und ruft dann „Poisson d’avril!“, also „Aprilfisch!“.
Woher der Brauch kommt, weiß niemand genau. Die verbreitetste Erklärung verweist auf das Edikt von Roussillon, das Karl IX. 1564 unterzeichnete und das den Jahresbeginn auf den 1. Januar legte. Wer das neue Jahr weiter am alten Termin feierte, soll zur Zielscheibe von Scherzen geworden sein. Das klingt einleuchtend, passt aber nicht zu den Daten: Der Ausdruck poisson d’avril taucht schon 1466 bei Pierre Michault auf und 1508 bei Eloy d’Amerval, lange vor dem Edikt. Als Scherz zum 1. April ist er erst im 17. Jahrhundert belegt. Der Volkskundler Alan Dundes nennt weitere Spuren: alte Fruchtbarkeitsriten, den Moment, in dem die Sonne das Tierkreiszeichen Fische verlässt, und das Ende der Fastenzeit, in der man Fisch aß.
Und hierzulande? Man schickt sich gegenseitig „in den April“, ganz ohne Papierfisch. Laut der Wikipedia-Seite zum Aprilscherz ist diese Redensart in Deutschland erstmals 1618 in Bayern überliefert.
Welche spirituelle Bedeutung hat der Fisch?
Wer nach der spirituellen Bedeutung des Fisches fragt, bekommt von den großen Traditionen recht genaue Antworten:
- in der christlichen Tradition des Ichthys fasst das griechische Wort ein Bekenntnis zu Jesus Christus zusammen, und Tertullian vergleicht die Gläubigen mit kleinen Fischen, die im Wasser geboren werden;
- in der hinduistischen Erzählung von Matsya ist der Fisch der Retter, der die Menschheit durch die Sintflut führt;
- im Buddhismus schwimmt er der Befreiung entgegen, ohne zu ertrinken.
Der rote Faden? Das Wasser. Der Fisch lebt dort, wo der Mensch ertrinken würde, und kommt dort mühelos voran. Wenn ein Fisch Sie darüber hinaus an Freiheit, an Reisen oder an die Ruhe des Meeres denken lässt, ist das Ihre ganz eigene Deutung. Der Fisch ist übrigens nicht das einzige Tier, dessen Bedeutung sich von Land zu Land ändert: Lesen Sie zum Beispiel, was hinter der japanischen Winkekatze steckt.
Einen Fisch verschenken: Anlässe, Kartentexte und Tragetipps
Passende Anlässe
Mit all diesen Geschichten im Gepäck passt ein Fisch zu vielen Gelegenheiten:
- Weihnachten oder Silvester, in Erinnerung an die Karpfenschuppe, die Geldsegen bringen soll;
- ein neues Jahr oder ein neues Zuhause, um Überfluss „Jahr für Jahr“ zu wünschen, wie in China;
- eine Prüfung, eine neue Stelle oder eine schwere Zeit, mit dem Karpfen im Kopf, der sich stromaufwärts kämpft;
- eine Mutter und ihr Kind, als Anspielung auf die beiden Fische von Aphrodite und Eros, die sich nie verlieren;
- ein Mensch, der im Sternzeichen Fische geboren ist;
- ein gläubiger Mensch, für den der Ichthys seine volle Bedeutung behält.
Ein paar Worte für die Karte
- „Überfluss, Jahr für Jahr.“
- „Immer weiter stromaufwärts.“
- „Unzertrennlich, wie die beiden Fische am Himmel.“
Ein Fisch am Revers
Ein Fisch als Brosche fürchtet weder Strömung noch Aprilscherz. Unter unseren Modeschmuck-Broschen greifen mehrere Fische diese Geschichten auf. Zwei Fische in Koralle und Rosa, die Seite an Seite schwimmen, erinnern an das Paar am Himmel. Grafischer wirkt ein Fisch in Grätenform aus goldfarbenem Stahl mit schwarzen Flächen und schwarzem Strass. Und ein blau-weißer Fisch aus silberfarbenem Stahl mit geometrischen Mustern lässt eher an die Küste denken. Alle drei haben einen Magnetverschluss.
Auf einem gestreiften Pullover, am Revers einer Jeansjacke oder auf einem marineblauen Mantel findet ein Fisch ganz selbstverständlich seinen Platz. Und wenn Sie neben dem Fisch noch andere Tiere mögen, stöbern Sie in den übrigen Tiermotiven unserer Kollektion.
Fisch-Symbolik auf einen Blick
Von einer Tradition zur nächsten sagt der Fisch nicht dasselbe. Hier stehen seine Bedeutungen nebeneinander:
| Tradition oder Quelle | Wofür der Fisch steht |
|---|---|
| Weihnachtskarpfen (Franken, Erzgebirge, Tschechien, Slowakei) | Geldsegen: die Schuppe in der Geldbörse |
| China (Formel lian nian you yu) | Überfluss, dank eines Wortspiels mit yu |
| Erste Christen (Akrostichon Ichthys) | Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter; laut Überlieferung ein Erkennungszeichen |
| Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) | Teilen: fünf Brote und zwei Fische für eine Menschenmenge |
| Japan (Koinobori am 5. Mai) | Kraft und Ausdauer des Karpfens, der zum Drachen wird |
| Hinduismus (Matsya, Shatapatha Brahmana) | Rettung: der Fisch, der Manu durch die Sintflut führt |
| Buddhismus (Ashtamangala) | Befreiung, ohne im Kreislauf der Wiedergeburten zu ertrinken |
| Sternbild Fische (Hyginus) | Ein Band, das der Gefahr standhält: Aphrodite und Eros aneinandergebunden |
| Poisson d’avril (Frankreich, Pierre Michault 1466) | Ein französischer Scherz unklarer Herkunft; in Deutschland schickt man „in den April“ (Bayern, 1618) |
Häufige Fragen
Wann ist das Sternzeichen Fische?▾
Das Sternzeichen Fische umfasst die Zeit vom 19. Februar bis zum 20. März. Es ist nach dem Sternbild der beiden Fische benannt, die durch eine Schnur verbunden sind.
Was bedeutet der Name des Sterns Alrescha?▾
Alrescha, der Alphastern im Sternbild Fische, trägt einen Namen arabischen Ursprungs, der „der Knoten“ bedeutet: gemeint ist der Knoten der Schnur, die in der Darstellung am Himmel die Schwänze der beiden Fische verbindet.
Was bedeutete der französische Ausdruck „poisson d’avril“ ursprünglich?▾
Im ältesten bekannten Text mit diesem Ausdruck, dem Doctrinal du temps présent von Pierre Michault (1466), ist ein „poisson d’avril“ ein Kuppler, der die Liebesbriefe seines Herrn überbringt. Die Bedeutung als Scherz taucht erst im 17. Jahrhundert auf, bei Jean de Labrune im Jahr 1691.
Gibt es in den Evangelien eine zweite Brotvermehrung?▾
Ja. Matthäus und Markus berichten von einer zweiten Speisung: Mit sieben Broten und einigen Fischen macht Jesus viertausend Männer satt, Frauen und Kinder nicht mitgezählt. Lukas und Johannes erzählen nur vom ersten Wunder, dem mit den fünf Broten und zwei Fischen.
Was bedeuten die Farben der Koinobori-Karpfen?▾
Der schwarze Karpfen steht für den Vater. Der rote Karpfen stand früher für den ältesten Sohn und steht heute meist für die Mutter. Für jedes weitere Kind kommt ein Karpfen hinzu.
