Was bedeutet die Schlange? Heilung, List und neue Haut

Eine Natter mit Götternamen im Rheingau, ein Stab auf den Uniformen der Sanitätsoffiziere: was die Schlange bedeutet, von der Häutung bis zum Ouroboros.
In Schlangenbad, einem Ort im Rheingau, lebt eine Schlange, die den Namen eines Gottes trägt: die Äskulapnatter. Sie ist ungiftig, kann bis zu zwei Meter lang werden und ist in Deutschland streng geschützt. Ihren Namen verdankt sie Asklepios, dem griechischen Gott der Heilkunst. Der Legende nach hatte er auf seinen Wegen zu den Kranken immer eine solche Natter dabei, die sich um seinen Wanderstab ringelte.
Was bedeutet die Schlange also? Fast alles, und auch das Gegenteil. Die Bedeutung der Schlange steckt genau in diesem Widerspruch. Weil sie sich häutet, steht sie für Wiedergeburt. Um einen Stab gewunden, wurde sie zum Zeichen der Heilung. Beißt sie sich in den Schwanz, wird sie zum Bild der Ewigkeit. Zugleich ist sie die Verführerin im Paradies und das ägyptische Ungeheuer, das die Sonne verschlingen will. Kaum ein Tier wird so zwiespältig gesehen, im Guten wie im Schlechten.
Beginnen wir mit der Schlange am Stab des Asklepios: Von allen Schlangen in dieser Geschichte ist sie Ihnen wahrscheinlich am häufigsten begegnet.
Eine Natter mit dem Namen eines Gottes

Bei den Römern hieß Asklepios Aesculapius. Auf Bildern begleitet ihn eine Schlange, um seinen Stab gewunden oder unter seinem Thron zusammengerollt. Der Äskulapstab, ein von einer Schlange umwundener Stab, wurde in vielen Ländern zum Symbol der Medizin. Die Weltgesundheitsorganisation zeigt ihn auf ihrer Flagge, und in den USA steckt er im Star of Life, dem Zeichen von Rettungswagen und Notdiensten.
In manchen seiner Heiligtümer bot sich ein erstaunliches Bild: Kranke legten sich dort in der Hoffnung auf Heilung schlafen, und zahme Schlangen glitten zwischen ihnen umher.
Von der preußischen Armee zur Bundeswehr
In Deutschland hat der Stab eine lange Geschichte auf Uniformen. Ab Februar 1868 trugen die Militärärzte der preußischen Armee einen Äskulapstab auf Schulterstücken und Epauletten. Nach der Gründung des Kaiserreichs wurde er zum Abzeichen der Sanitätsoffiziere aller Waffengattungen. In der Bundeswehr ist er bis heute zu sehen: Bei Heer und Luftwaffe hat er die Farbe der Rangsterne, bei der Marine ist er stets goldfarben.
Äskulapstab und Hermesstab auseinanderhalten
Die beiden Zeichen werden leicht verwechselt. Der Unterschied:
- Der Äskulapstab trägt eine einzige Schlange und keine Flügel.
- Der Hermesstab, auch Caduceus genannt, ist ein Stab mit zwei Flügeln an der Spitze, um den sich zwei Schlangen winden.
- Im amerikanischen Gesundheitswesen wird wegen einer Verwechslung oft der Hermesstab als Symbol verwendet.
Eine Schlange ohne Flügel: Asklepios. Zwei Schlangen mit Flügeln: Hermes.
Die eherne Schlange
Auch die Bibel kennt eine heilende Schlange. Im 4. Buch Mose werden die Israeliten in der Wüste von Schlangen gebissen. In einer deutschen Übersetzung heißt es: „Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf.“ Wer gebissen wurde und sie ansah, sollte am Leben bleiben. Jahrhunderte später ließ König Hiskija sie zerstören, weil sie zu einem Gegenstand der Verehrung geworden war.
Kreuzotter und Äskulapnatter: Schlangen bei uns und in der Welt
Die Äskulapnatter ist in Deutschland selten. Es gibt nur noch Restvorkommen: im Rheingau rund um Schlangenbad, im südlichen Odenwald, in der Wetterau, an der unteren Salzach und an der Donau bei Passau. Viel eher begegnet man der Kreuzotter, der häufigsten Giftschlange Mitteleuropas. Weltweit sind mehr als 3500 Schlangenarten bekannt; laut der französischsprachigen Wikipedia sind etwa 515 davon giftig.
Schlangen sind Reptilien mit sehr langem Körper und ohne sichtbare Beine. Vor rund 100 Millionen Jahren verloren ihre Vorfahren die Beine, als sie sich an das Leben unter der Erde anpassten. Auslöser war eine Reihe von Mutationen in einem Gen mit überraschendem Namen: Sonic Hedgehog.

Eine neue Haut in wenigen Minuten
Junge Schlangen häuten sich mindestens einmal im Monat, erwachsene drei- bis viermal im Jahr. Vor der Häutung sucht das Tier einen feuchten Platz, der ihm das Häuten erleichtert. Dann reibt es die Schnauzenspitze an einer rauen Fläche. An der Schnauze reißt die Haut auf, und die Schlange schlüpft in wenigen Minuten aus ihrer alten Hülle. Bei einem gesunden Tier löst sich die Haut in einem Stück: das Natternhemd, eine leere Hülle in Schlangenform, die am Boden zurückbleibt.
Augen ohne Lider, eine Zunge, die riecht
Schlangen haben keine Augenlider: Ihre Augen bleiben immer offen. Die gespaltene Zunge nimmt Duftteilchen aus der Luft auf und bringt sie zum Jacobson-Organ, das sie auswertet. Manche Arten spüren mit kleinen Gruben, die auf Infrarotstrahlung reagieren, sogar die Wärme ihrer Beute.
Ein Blick, der nie blinzelt, eine Zunge, die die Luft abtastet, ein Körper, der sich erneuert: Kein Wunder, dass die Menschen die Schlange mit einer Mischung aus Furcht und Faszination betrachtet haben.
Neue Haut, neues Leben: die Schlange als Zeichen der Wiedergeburt
Die Menschen der Antike brauchten keine Biologie, um die leere Haut zu bemerken. Vielen Völkern schien es, als werde die Schlange bei jeder Häutung wiedergeboren. In manchen alten Religionen hielt man sie sogar für unsterblich: Sie konnte ihre Haut immer wieder ablegen und ewig jung aussehen.
Indien: eine neue Geburt
In Indien steht die Häutung für eine neue Geburt. Die Schlange verkörpert dort zugleich Wiedergeburt, Tod und Sterblichkeit. Die Nagas, Schlangenwesen der indischen Überlieferung, bewachen die Gewässer und verborgene Schätze.
Gilgamesch und die gestohlene Pflanze
Eine alte Erzählung aus Mesopotamien verbindet die Schlange mit der Jugend. Sie steht im Gilgamesch-Epos, dessen erste bekannte Fassung zwischen dem 18. und dem 17. Jahrhundert vor Christus auf Akkadisch entstand. Der Held Gilgamesch gewinnt eine Pflanze, die wieder jung macht. Bei einer Rast stiehlt ihm eine Schlange die Pflanze. Gilgamesch kehrt als Sterblicher heim; die Schlange zieht mit der Pflanze davon.
Die Schlange, die sich in den Schwanz beißt

Von der Häutung zum Kreis ist es nur ein kleiner Schritt. Der Ouroboros zeigt eine Schlange oder einen Drachen, der sich in den eigenen Schwanz beißt. Sein griechischer Name verbindet die Wörter für „Schwanz“ und „gefräßig“. Die französischsprachige Wikipedia datiert die älteste bekannte Darstellung, vermutlich eine ägyptische, auf das 16. Jahrhundert vor Christus; ein weiterer Ouroboros findet sich auf einem Schrein des Tutanchamun. Die Ägypter sahen darin den Kreislauf der Zeit und die Ewigkeit.
Viel später, um das Jahr 300, machte der Alchemist Zosimos von Panopolis daraus eine Formel: „Eins ist das All, durch das Eine ist das All, und zum Einen kehrt das All zurück.“ Ein Ende, das wieder in seinen Anfang mündet: die Idee der Häutung, als Kreis gezeichnet.
Auch andere Tiere tragen die Idee vom langen Leben in sich. Lesen Sie dazu, was die Schildkröte über Langlebigkeit erzählt.
Verführerin, Chaos und Weltenschlange: die dunkle Seite
Dasselbe Tier, das heilt, kann auch töten. Der schlechte Ruf der Schlange reicht ebenso tief wie ihr guter.
Die Schlange im Paradies
Im 1. Buch Mose täuscht eine Schlange Adam und Eva und bringt sie dazu, Gott ungehorsam zu sein. Die Überlieferung hat sie später mit dem Satan gleichgesetzt. Das ist wohl das bekannteste Bild im Abendland: die listige Schlange, die flüstert. Manche gnostischen Strömungen taten jedoch das Gegenteil und lobten sie dafür, den Menschen die Erkenntnis gebracht zu haben.
Ägypten: Bedrohung und Schutz
Das alte Ägypten zeigt beide Gesichter. Auf der einen Seite versucht Apophis (Apep), die Schlange des Chaos, die Sonnenbarke zu verschlingen, und wird jedes Mal besiegt. Auf der anderen Seite sitzt der Uräus, eine aufgerichtete Kobra, auf der Stirn des Pharaos, um ihn vor seinen Feinden zu schützen. Er verkörpert die Göttin Wadjet.
Die Midgardschlange
In der nordischen Mythologie heißt eine gewaltige Schlange Jörmungandr. Im Deutschen kennt man sie als Midgardschlange oder Weltenschlange: eine Seeschlange, die die ganze Welt umspannt. Mit List oder Heilung hat sie nichts zu tun: Sie beeindruckt allein durch ihre ungeheure Größe.
Klug wie die Schlangen
Sogar List kann zur Tugend werden. In der Lutherbibel sagt Jesus im Matthäusevangelium: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ Wo Luther „klug“ schreibt, steht in der französischen Bibel „prudents“, also „vorsichtig“. So oder so wird die List der Verführerin zu kluger Umsicht.
Gefiedert, gütig, weise: die Schlange als Gottheit
In anderen Traditionen bekommt die Schlange schützende oder wohltätige Rollen:
- In Mesoamerika wird Quetzalcoatl, die „gefiederte Schlange“, mit dem Wind, der Morgendämmerung und dem Planeten Venus verbunden; er steht für Erneuerung, Weisheit und die Verbindung von Erde und Himmel.
- In Dahomey, in Westafrika, ist Danh-gbi ein wohlwollender Schlangengott der Weisheit und des Glücks.
- In vielen örtlichen Glaubensvorstellungen sind Schlangen Geister der Erde.
- Näher an unserer Zeit sah C. G. Jung in der Schlange ein Bild des Unbewussten und der persönlichen Wandlung.
Quer durch die Kulturen wurde die Schlange also verehrt und gefürchtet zugleich: ein Sinnbild der Zwiespältigkeit.
Die spirituelle Bedeutung der Schlange: was belegt ist und was geglaubt wird

Wer nach der spirituellen Bedeutung der Schlange sucht, hat oft etwas Bestimmtes vor Augen: eine Schlange auf dem Weg, eine abgestreifte Haut im Garten, einen Traum, der wiederkehrt.
Zwei Dinge sollte man auseinanderhalten:
- was belegt ist: Eine Schlange häutet sich mehrmals im Jahr, schließt nie die Augen und riecht mit der Zunge. Kreuzt eine Ihren Weg, ist sie meist einfach auf Beutejagd oder sucht einen feuchten Platz für die Häutung;
- was zum Glauben gehört: Je nach Überlieferung steht dieselbe Schlange für Wiedergeburt (Indien, der Ouroboros), Heilung (Asklepios), List (die Genesis), Klugheit (das Evangelium) oder Weisheit (Quetzalcoatl).
Die Schlange hat also nicht die eine spirituelle Bedeutung. Keine Quelle entscheidet, welche Lesart die richtige ist: Jede sagt vor allem etwas darüber, was ein Volk erhoffte oder fürchtete. Wenn eine abgestreifte Haut Sie an Veränderung, an ein neues Kapitel oder an einen Neuanfang denken lässt, dann gehört diese Lesart Ihnen.
Ein Tier als Brosche verschenken: für wen und mit welchen Worten
Wem sie Freude macht
Mit diesen Geschichten im Kopf wird ein Tier als Schmuckstück zu einer kleinen Botschaft. Ein paar Ideen, wem Sie damit eine Freude machen:
- jemandem, der einen neuen Lebensabschnitt beginnt: ein Umzug, eine neue Stelle, ein Berufswechsel, für die Haut, die sich erneuert;
- einer Krankenpflegerin, einer Pflegehelferin oder einer Medizinstudentin, für die Schlange des Asklepios;
- einer Freundin, die nach einer schweren Zeit wieder auf die Beine kommt;
- einem umsichtigen Menschen, der nachdenkt, bevor er handelt;
- allen, die Tiere lieben, an denen sich die Geister scheiden.
Ein paar Worte für die Karte
- „Für eine neue Haut und einen neuen Anfang.“
- „Möge Ihnen die neue Haut wie angegossen passen.“
- „Ein wenig Klugheit und viel Farbe.“
Ein stilisiertes Tier zum Tragen
Gleich vorweg: Eine Schlange finden Sie bei uns nicht. Das stilisierte Tier, das unter unseren Modeschmuck-Broschen auf Sie wartet, hat vier Beine mit gespreizten Zehen und einen langen, eingerollten Schwanz. Seine Form kann an eine Eidechse oder einen Gecko erinnern, ohne eine bestimmte Art darzustellen.
Es hat einen großen rosa Kopf mit schwarz-weißen Augen, einen blau-violetten Körper und einen Schwanz in Grün, Rosa und Pfirsich. Über den Rücken ziehen sich drei gewölbte Elemente (blassgrün, rosa und blaugrau) und zwei kleine, runde, durchsichtige Elemente. Es ist aus silberfarbenem Stahl und wird mit einem Magnetverschluss befestigt. Auf einem schwarzen Mantel, einer Jeansjacke oder einem naturweißen Pullover kommen seine Farben gut zur Geltung.
Sie finden es in unserer Auswahl an Reptilienbroschen. Und wenn Ihnen andere Tiere lieber sind: Katzen, Hunde, Vögel und Schildkröten warten unter allen unseren Tierbroschen.
Die Symbolik der Schlange auf einen Blick
Kurz gesagt: Die Schlange kann Heilung, Wiedergeburt, Ewigkeit, Klugheit, Gefahr oder Chaos bedeuten. Welche Bedeutung gemeint ist, hängt von der jeweiligen Tradition und ihrer Geschichte ab.
| Tradition oder Quelle | Geschichte oder Figur | Wofür die Schlange steht |
|---|---|---|
| Deutschland heute | Die Äskulapnatter im Rheingau; der Äskulapstab der Sanitätsoffiziere | Ein seltenes Wildtier und das Zeichen der Medizin |
| Biologie | Häutung, Zunge, Augen ohne Lider | Ein Tier, das sich erneuert |
| Indien | Die Häutung, die Nagas | Wiedergeburt, Tod, Hüter der Gewässer |
| Mesopotamien | Gilgamesch und die Pflanze der Verjüngung | Die Diebin der Jugend |
| Ägypten, später Alchemie | Der Ouroboros | Kreislauf der Zeit, Ewigkeit |
| Griechenland | Der Äskulapstab | Heilung, Medizin |
| Bibel (4. Buch Mose) | Die eherne Schlange | Heilung |
| Bibel (1. Buch Mose) | Die Verführerin | List, Ungehorsam |
| Ägypten | Apophis und der Uräus | Chaos und Schutz des Königs |
| Nordische Mythologie | Die Midgardschlange | Ungeheure Größe |
| Matthäusevangelium | „Klug wie die Schlangen“ | Klugheit |
| Mesoamerika | Quetzalcoatl | Erneuerung, Weisheit |
| C. G. Jung | Der Archetyp | Das Unbewusste, Wandlung |
Häufige Fragen
Was bedeutet das lateinische Wort für Schlange?▾
Das lateinische serpens bedeutet „das, was kriecht“. Es ist das Partizip Präsens des Verbs serpere, „kriechen“.
Ist die Kreuzotter in Deutschland geschützt?▾
Ja. Die Kreuzotter ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt und steht auf der Roten Liste Deutschlands als stark gefährdet.
Was ist die Schale der Hygieia?▾
Eine Schale, um die sich eine einzige Schlange windet. In Frankreich ist sie das Zeichen der Apotheker. Sie ist weder mit dem Äskulapstab, dem Symbol der Medizin, noch mit dem Hermesstab zu verwechseln.
Was hat der Ouroboros mit Chemie zu tun?▾
Der Chemiker August Kekulé erklärte, das Bild einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, habe ihn zu seiner Entdeckung der Ringstruktur des Benzols angeregt.
Was ist Nag Panchami?▾
Ein großes hinduistisches Fest, das den Schlangen gewidmet ist. Die Gläubigen bringen Schlangenstatuen Milch und Weihrauch dar.

